Kaum ist die Brücke überquert, scheinen bei manchen plötzlich sämtliche Regeln des normalen Zusammenlebens außer Kraft gesetzt. Und gleichzeitig gehört die Selbstironie dazu: Ohne Gäste wäre Usedom eben auch nicht Usedom – und viele leben vom Tourismus.
Bitte geben Sie Ihr Gehirn an der Brücke ab! (Triggerwarnung – Satire – bitte nur weiterlesen, wenn Sie Spaß verstehen….
Eine kleine, nicht ganz ernst gemeinte Gebrauchsanweisung für den Urlaub auf Usedom
Ich muss heute einmal über ein Phänomen schreiben, das ich vor einem Jahr noch überhaupt nicht verstanden habe.
Als ich nach Usedom gezogen bin, war ich selbst die Neue. Ich kannte diese typischen Sprüche der Einheimischen über Urlauber und Tagesgäste und war etwas irritiert – und ehrlich gesagt habe ich die Urlauber sogar regelmäßig verteidigt.
„Ach, nun seid doch nicht so! Die wollen hier einfach eine schöne Zeit haben.“
„Die sind im Urlaub.“
„Die kennen sich eben nicht aus.“
„Und außerdem leben wir hier schließlich vom Tourismus!“
Alles richtig.
Und diesen letzten Satz unterschreibe ich übrigens bis heute.
Viele Menschen auf Usedom verdienen direkt oder indirekt ihr Geld mit den Gästen, die jedes Jahr auf unsere Insel kommen. Hotels, Ferienwohnungen, Gastronomie, Einzelhandel, Freizeitangebote, Dienstleistungen und natürlich auch viele kleine Selbstständige leben davon, dass Menschen Usedom lieben und hier ihre Ferien verbringen. Ich inklusive!
Und die allermeisten Gäste fallen überhaupt nicht negativ auf!
Aber dann gibt es … diese anderen, diese ganz speziellen Spezialisten…..
Und nach einiger Zeit auf der Insel versteht man plötzlich einen Satz, den vermutlich jeder Einheimische irgendwann schon einmal gehört oder selbst ausgesprochen hat:
„Manchmal habe ich das Gefühl, die geben ihr Gehirn an der Wolgastbrücke oder an der Zecheriner Brücke ab.“
😂
Natürlich ist das böse. natürlich ist das überspitzt und natürlich ist es Satire!!!
Aber inzwischen muss ich darüber lachen, weil ich langsam verstehe, was damit gemeint ist.
Denn außerhalb der Saison hat Usedom einen völlig anderen Rhythmus.
Es ist ruhig.
Besonnen.
Man kennt seine Wege, seine Orte und teilweise auch seine Menschen. Man lebt mit Wind, Wetter und Jahreszeiten. Man beobachtet das Meer, freut sich über einen leeren Strand, fährt entspannt über die Insel und entwickelt irgendwann dieses ganz besondere Gefühl dafür, dass man hier eben nicht nur Urlaub macht.
Man lebt hier.
Und dann kommt der Sommer – alle Jahre wieder 🙂 (ein bisschen wie Weihnachten)
Und plötzlich scheint jemand den großen Schalter umzulegen.
Aus einer beschaulichen Ostseeinsel wird für einige Wochen ein gigantischer Freizeitpark.
Autos überall. Fahrräder überall. Menschen überall.
Und bei manchen Gästen offenbar die Vorstellung:
ICH. BIN. IM. URLAUB.
Und damit beginnt eine ganz besondere Spezies der Urlaubslogik.
Mitten auf der Straße stehen bleiben?
Ich bin im Urlaub.
Mit dem Fahrrad fahren, als hätte man persönlich die Straßenverkehrsordnung außer Kraft gesetzt?
Urlaub!
Mitten im Weg plötzlich eine Familienkonferenz eröffnen?
Urlaub.
Irgendwo anhalten, weil man gerade etwas Schönes gesehen hat?
Na selbstverständlich. Urlaub!
Und wehe, irgendwo lebt tatsächlich jemand und möchte zur Arbeit, zum Einkaufen oder einfach nur nach Hause.
Dann schaut man sich manchmal an und denkt:
„Ach richtig. Es ist wieder Saison.“
😂
Ich glaube, genau daraus entsteht dieser manchmal etwas bissige Humor der Einheimischen.
Denn was für den Gast zwei Wochen Ausnahmezustand bedeutet, ist für uns der ganz normale Lebensraum.
Der Urlauber denkt:
„Endlich bin ich hier!“
Der Einheimische denkt:
„Ja. Und ich muss da vorne trotzdem noch links abbiegen.“
Das Interessante daran ist, dass ich beide Seiten inzwischen verstehen kann.
Denn ich war selbst lange genug Gast an anderen Orten. Im Urlaub verändert sich etwas. Man hat Zeit. Man schaut mehr. Man träumt. Man orientiert sich nicht aus Gewohnheit, sondern sucht Straßenschilder, Parkplätze, Strandzugänge und Restaurants.
Und natürlich darf man im Urlaub auch einmal ein bisschen verpeilt sein.
Das gehört dazu.
Aber Urlaub bedeutet eben nicht, dass der Rest der Menschheit plötzlich zu Statisten im eigenen Ferienfilm wird.
Vielleicht ist genau das der kleine Unterschied zwischen einem wunderbaren Urlauber und jenem Exemplar, bei dem Einheimische irgendwann anfangen, von der ominösen „Gehirnabgabestelle an der Brücke“ zu sprechen.
Es geht um Rücksicht.
Um Wahrnehmung.
Und manchmal schlicht um die Erkenntnis:
Da, wo ich Urlaub mache, leben andere Menschen.
Menschen, die arbeiten müssen.
Menschen, die morgens Termine haben.
Menschen, die einkaufen müssen.
Menschen, die ihre Hunde ausführen, ihre Kinder abholen oder nach einem langen Arbeitstag einfach nur nach Hause möchten.
Und gleichzeitig müssen auch wir Insulaner uns gelegentlich daran erinnern:
Diese Menschen kommen, weil sie unsere Insel wunderschön finden.
Sie freuen sich monatelang auf Usedom.
Sie bringen Leben auf die Insel.
Und ja – sie bringen einen erheblichen Teil des Geldes mit, von dem eine Tourismusregion nun einmal lebt.
Es ist also eine kleine Hassliebe.
Wir brauchen euch.
Wir freuen uns über euch.
Wir zeigen euch gern, warum wir diese Insel lieben.
Aber manchmal …
wirklich nur manchmal …
würden wir euch bei der Einreise gern freundlich an der Brücke begrüßen:
„Herzlich willkommen auf der Sonneninsel Usedom! 🌞
Bitte behalten Sie Arme, Beine und gesunden Menschenverstand während Ihres gesamten Aufenthaltes bei sich.“
Denn das Gehirn muss man an der Brücke gar nicht abgeben.
Man darf es tatsächlich mit auf die Insel nehmen.
Es kostet nicht einmal Kurtaxe. 😜
In diesem Sinne:
Herzlich willkommen auf Usedom.
Genießt unser Meer.
Genießt unsere Natur.
Genießt die Ruhe.
Lasst euch treiben.
Aber denkt zwischendurch daran:
Für euch ist es Urlaub. Für uns ist es Zuhause.
Und wenn wir alle ein kleines bisschen Rücksicht aufeinander nehmen, müssen wir vielleicht irgendwann auch die imaginäre Gehirn-Sammelstelle an der Wolgast- und Zecheriner Brücke wieder schließen.
Wobei …
in der Hauptsaison würde ich vorsichtshalber noch Personal dafür einplanen. 😂