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Abgrenzung – die Kunst, bei sich selbst zu bleiben

Abgrenzung bedeutet nicht, eine Mauer um sich herum zu bauen.

Abgrenzung bedeutet auch nicht, kalt zu werden, Menschen aus seinem Leben zu verbannen oder niemanden mehr an sich heranzulassen.

Gesunde Abgrenzung bedeutet etwas völlig anderes:

„Ich weiß, wo ich aufhöre – und wo du beginnst.“

Es bedeutet, unterscheiden zu lernen zwischen dem, was zu mir gehört, und dem, was andere Menschen bei mir abladen möchten.

Ihre Erwartungen, Enttäuschungen, Forderungen oder gar schlechte Laune, Verletzungen, Verantwortung.

Vielleicht auch Vorstellungen davon, wie ich zu sein habe.

Nicht alles, was an meine Tür klopft, muss ich hereinlassen und vielleicht ist genau das eine der schwierigsten Lektionen unseres Lebens.

Grenzen sind keine Mauern

Lange Zeit dachte ich, ein guter Mensch müsse verständnisvoll sein.

Immer.

Man müsse zuhören, helfen, verzeihen, Rücksicht nehmen, erklären und möglichst noch verstehen, warum der andere so handelt, wie er handelt.

Und ja – Empathie ist etwas Wunderschönes.

Aber Empathie ohne Grenzen kann irgendwann dazu führen, dass wir für alle anderen Verständnis haben – nur nicht mehr für uns selbst.

Wir entschuldigen das Verhalten anderer, während wir unsere eigenen Gefühle infrage stellen.

Wir sagen:

„Er meint es bestimmt nicht so.“

„Sie hat gerade selbst viel um die Ohren.“

„Ich möchte keinen Streit.“

„Vielleicht bin ich einfach zu empfindlich.“

Und irgendwann merken wir gar nicht mehr, wie oft wir uns selbst verlassen haben, nur damit andere sich in unserer Nähe wohlfühlen können.

Abgrenzung beginnt dort, wo ich mich selbst ernst nehme

Eine Grenze ist kein Angriff.

Eine Grenze ist eine Information.

Bis hierhin fühlt es sich für mich gut an. Und ab hier nicht mehr.

Ich darf sagen, dass mir etwas zu viel ist.

Ich darf mich zurückziehen.

Ich darf nicht erreichbar sein.

Ich darf meine Meinung ändern.

Ich darf Menschen mögen und trotzdem Abstand brauchen.

Ich darf jemanden verstehen und sein Verhalten trotzdem nicht akzeptieren.

Ich darf lieben und trotzdem Nein sagen.

Und ich darf sogar feststellen, dass ein Mensch grundsätzlich kein schlechter Mensch ist – und trotzdem nicht gut für mein Leben ist.

Das ist keine Verurteilung.

Das ist Selbstverantwortung.

Nicht jeder bekommt Zugang zu meiner Energie

Vielleicht sollten wir uns unser Inneres tatsächlich wie diesen geschützten Kreis vorstellen.

Darin befinden sich unsere Kraft, unsere Ruhe, unsere Träume, unsere Verletzlichkeit, unsere Liebe und unser Frieden und dieser Raum ist wertvoll!!!

Nicht jeder Mensch, der vor diesem Kreis steht, hat automatisch das Recht, ihn zu betreten.

Manche Menschen dürfen sehr nah kommen.

Andere dürfen ein Stück unseres Weges mit uns gehen.

Manche bleiben außerhalb unseres innersten Kreises.

Und von manchen müssen wir uns vielleicht irgendwann ganz verabschieden.

Nicht aus Hass.

Nicht aus Rache.

Sondern weil wir verstanden haben:

Mein Frieden ist ebenfalls etwas wert.

Besonders empathische Menschen müssen Abgrenzung lernen

Wer andere Menschen sehr intensiv wahrnimmt, läuft schnell Gefahr, Dinge zu übernehmen, die eigentlich gar nicht zu ihm gehören.

Wir spüren eine Stimmung und möchten sie verbessern.

Wir bemerken Traurigkeit und wollen trösten.

Wir erleben Konflikte und möchten vermitteln.

Wir sehen einen Menschen leiden und möchten ihn retten.

Doch nicht jede Last, die wir sehen, ist unsere Last.

Nicht jedes Problem, das wir erkennen, ist unsere Aufgabe.

Und nicht jeder Mensch, dessen Schmerz wir verstehen können, möchte oder kann sich verändern.

Manchmal besteht unsere Aufgabe nicht darin, jemanden zu retten.

Manchmal besteht sie darin, bei uns selbst zu bleiben.

Ein Nein zu dir kann ein Ja zu mir sein

Das Wort „Nein“ hat für viele Menschen etwas Hartes.

Dabei kann ein Nein unglaublich liebevoll sein.

Nein, heute kann ich nicht.

Nein, so möchte ich nicht behandelt werden.

Nein, diese Verantwortung übernehme ich nicht.

Nein, dieses Gespräch führe ich nicht auf diese Weise weiter.

Nein, ich muss mich dafür nicht rechtfertigen.

Nein, das tut mir nicht gut.

Denn jedes ehrliche Nein nach außen kann gleichzeitig ein Ja nach innen sein.

Ja zu meiner Kraft.

Ja zu meiner Gesundheit.

Ja zu meiner Zeit.

Ja zu meinem Frieden.

Ja zu meinem Leben.

Und trotzdem bleibt die Tür offen

Gesunde Abgrenzung bedeutet für mich deshalb nicht, das Herz zu verschließen.

Im Gegenteil.

Der Kreis um mich herum darf eine Tür haben.

Aber ich entscheide, wann sie aufgeht.

Menschen, die meine Grenzen respektieren, dürfen näherkommen.

Menschen, bei denen ich nicht ständig erklären, kämpfen oder mich verteidigen muss.

Menschen, bei denen ein Nein nicht plötzlich die gesamte Beziehung infrage stellt.

Menschen, die nicht nur meine Wärme genießen wollen, sondern auch meinen Raum respektieren.

Denn echte Nähe entsteht nicht dadurch, dass es keine Grenzen gibt.

Echte Nähe entsteht dort, wo zwei Menschen Grenzen haben – und trotzdem freiwillig aufeinander zugehen.

Vielleicht ist Abgrenzung deshalb gar keine Trennung

Vielleicht ist sie vielmehr eine Rückkehr.

Eine Rückkehr zu mir.

Zu meinem Körper.

Zu meinem Gefühl.

Zu meiner inneren Stimme.

Zu der Frage:

Was brauche eigentlich ich?

Und je besser ich diese Frage beantworten kann, desto weniger muss ich gegen andere kämpfen.

Ich muss niemanden davon überzeugen, meine Grenze richtig zu finden.

Ich muss sie auch nicht hundertmal erklären.

Ich darf sie einfach haben.

Und wenn jemand wütend darüber wird, dass ich plötzlich Grenzen setze, bedeutet das nicht automatisch, dass meine Grenze falsch ist.

Manchmal zeigt uns gerade die Reaktion eines Menschen, warum diese Grenze notwendig geworden ist.

Heute möchte ich deshalb nicht mehr jeden retten.

Nicht jeden überzeugen.

Nicht jede Erwartung erfüllen.

Nicht jede Stimmung auffangen.

und auch nicht mehr jede Tür öffnen, nur weil jemand davorsteht.

Mein innerer Raum gehört mir.

Meine Energie gehört mir.

Meine Zeit gehört mir.

Mein Frieden gehört mir.

und ich entscheide, mit wem ich all das teile.

Abgrenzung bedeutet nicht:

„Du bist mir egal.“

Abgrenzung bedeutet:

„Ich bin mir selbst nicht mehr egal.“

Und vielleicht beginnt genau dort etwas, wonach viele von uns ihr ganzes Leben suchen:

Freiheit-

Authentizität

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