Wenn wir von sexueller Energie sprechen, denken die meisten Menschen wahrscheinlich zuerst an Sex. An Begehren, Lust, Anziehung, Berührung und an diese ganz besondere Spannung, die zwischen zwei Menschen entstehen kann.
Doch was, wenn sexuelle Energie viel größer ist als das?
Was, wenn sie nicht nur dafür da ist, sich körperlich miteinander zu verbinden, sondern eine der kraftvollsten Energien ist, die wir Menschen überhaupt in uns tragen?
Sexuelle Energie ist für mich Lebensenergie.
Sie ist dieses Kribbeln im Körper. Dieses innere Feuer. Der Drang, etwas zu erleben, zu erschaffen, zu fühlen und sich auszudrücken. Sie kann uns lebendig, mutig, kreativ und geradezu magnetisch machen.
Vielleicht kennen wir alle diese Momente, in denen ein Mensch einen Raum betritt und etwas ausstrahlt, das sich kaum erklären lässt.
Nicht unbedingt Schönheit, nicht die perfekte Kleidung, nicht ein bestimmter Körper.
Sondern Präsenz.
Da ist etwas.
Eine Kraft.
Eine Lebendigkeit.
Eine Energie, die man beinahe körperlich wahrnehmen kann.
Und genau deshalb glaube ich, dass sexuelle Energie viel zu schade wäre, um sie ausschließlich auf Sexualität zu reduzieren.
Eine Energie, die erschaffen möchte
In vielen spirituellen Traditionen wird die sexuelle Kraft eng mit Schöpfung verbunden. Das ergibt für mich auch unabhängig von Spiritualität ein wunderschönes Bild: Aus sexueller Energie kann neues Leben entstehen – doch im übertragenen Sinne kann aus unserer Lebensenergie noch sehr viel mehr entstehen.
Ideen, Unternehmen, Kunstwerke, Lebenswege, Einstellungen, sportliche Kraft, Kreativität, Mut, Veränderung, Selbstbewusstsein
Die Entscheidung, endlich das eigene Leben in die Hand zu nehmen.
Manchmal spüren wir eine enorme innere Spannung und glauben automatisch, wir müssten sie im Außen entladen. (Das haben vor allem oft Männer-Testosteron-Androgen, aber auch Frauen – in viel kleinerer Dosis – je nach dem)
Vielleicht müssen wir das aber gar nicht immer.
Vielleicht dürfen wir lernen, diese Energie zu halten.
Sie wahrzunehmen.
Sie durch unseren Körper fließen zu lassen.
Und uns zu fragen:
Was möchte durch diese Kraft gerade in meinem Leben entstehen?
Wir leben in einer sehr sexualisierten Zeit
Sex ist gefühlt einfach nur noch überall. – Vieles dreht sich nur um Sex.
Körper werden präsentiert, bewertet und verglichen. Dating kann innerhalb weniger Sekunden mit einer Wischbewegung beginnen und genauso schnell wieder beendet werden. Begehren ist ständig verfügbar und gleichzeitig scheint echte Nähe für viele Menschen immer schwieriger zu werden.
Und das macht mich oft sehr traurig.
Nicht, weil Sexualität etwas Schlechtes wäre…. ganz im Gegenteil
Sexualität kann etwas unglaublich Schönes sein, wenn zwei Menschen sich wirklich begegnen. Wenn Vertrauen vorhanden ist. Wenn Körper nicht benutzt werden, sondern Menschen sich gegenseitig wahrnehmen. Wenn hinter der Lust auch Herz, Respekt und Verbundenheit stehen. (So wie wir es einst mal in unserem Kopf auch so hatten.)
Doch ich habe manchmal das Gefühl, dass wir etwas verwechseln.
Wir suchen Verbindung – und versuchen, sie über Körper herzustellen.
Wir sehnen uns nach Nähe – und bekommen Berührung.
Wir wollen gesehen werden – und werden begehrt.
Wir wünschen uns Verbundenheit – und erleben für einen kurzen Moment Intensität.
Das kann wunderschön sein.
Aber Intensität ist nicht automatisch Intimität
Und Begehren ist noch keine Verbundenheit.
Wenn Menschen sich lediglich aneinander „reiben“, um etwas in sich selbst zu beruhigen, eine Leere zu füllen, Bestätigung zu bekommen oder für einen Moment etwas zu spüren, kann danach genau das Gegenteil entstehen:
Leere
Vielleicht sogar stärker als vorher.
Denn der Körper hat Nähe erlebt, während die Seele möglicherweise überhaupt keine erfahren hat.
Sexuelle Energie muss nicht immer ein Gegenüber brauchen
Das ist für mich einer der wichtigsten Gedanken überhaupt:
Nicht jede sexuelle Energie muss im Außen ausgelebt werden
Du musst nicht jedes Begehren verfolgen.
Du musst nicht jede Anziehung in eine Geschichte verwandeln.
Du musst nicht jede Spannung entladen.
Manchmal darfst du diese unglaubliche Kraft einfach behalten.
Und etwas daraus machen!!!
Geh laufen – Tanze – Schreibe – Male. – Erschaffe etwas. – Arbeite an deiner Vision. – Gründe etwas. – Verändere dein Zuhause – Trainiere deinen Körper.
Setze endlich eine Idee um, die seit Jahren in dir schlummert.
Steh morgens auf und benutze dieses Feuer dafür, dein eigenes Leben aufzubauen.
Denn Energie verschwindet nicht einfach nur deshalb, weil wir sie nicht sofort ausleben.
Wir können ihr eine Richtung geben.
Vielleicht beginnt genau dort eine andere Form von Erfolg
Für mich persönlich liegt darin etwas unglaublich Kraftvolles.
Ich glaube nicht, dass wir erfolgreicher, freier oder erfüllter werden, indem wir jeder körperlichen Anziehung hinterherlaufen.
Manchmal entsteht die größte Kraft genau dann, wenn wir nicht sofort nach außen gehen. (Und es funktioniert wirklich, versprochen)
Wenn wir diese Energie in uns halten und sie verwandeln.
Aus Lust kann Kreativität werden.
Aus Sehnsucht kann eine Vision entstehen.
Aus Spannung kann Bewegung entstehen.
Aus Begehren kann Selbstbegegnung werden.
Aus Lebensenergie kann ein völlig neues Leben entstehen.
Und vielleicht ist das eine Fähigkeit, die wir in unserer heutigen, stark sexualisierten Welt ein Stück weit verloren haben:
Nicht jede Energie sofort konsumieren zu müssen.
Nicht jeden Menschen besitzen zu wollen.
Nicht jeden Körper berühren zu müssen.
Nicht jede Sehnsucht sofort stillen zu müssen.
Sondern diese gewaltige Kraft in uns zu spüren und zu sagen:
Ich nehme diese Energie und erschaffe etwas daraus.
Denn sexuelle Energie ist nicht nur die Kraft, mit einem anderen Menschen zu verschmelzen.
Sie ist auch die Kraft, dich selbst zum Leben zu bringen.
Und vielleicht liegt genau darin eines ihrer größten Geheimnisse:
Der andere Mensch kann deine sexuelle Energie entzünden.
Aber du entscheidest, was du mit diesem Feuer erschaffst.
(Übrigens ist es auch unter anderem ein Grundbaustein im Buddhismus)
Im Buddhismus – insbesondere im Vajrayana (Tibetischen Buddhismus) – gilt sexuelle Energie als dieselbe feinstoffliche Lebensenergie (Prana oder Chi), die auch für die spirituelle Entwicklung genutzt werden kann.
- Einheit von Energie: Sexuelle und spirituelle Energie sind ihrem Ursprung nach nicht voneinander getrennt, sondern Ausdruck derselben vitalen Kraft.
- Kanalisierung statt Unterdrückung: Anstatt die Begierde gewaltsam zu unterdrücken oder blind auszuleben, wird die leidenschaftliche Energie durch meditative Techniken verfeinert und lenkbar gemacht.
- Ziel: Die rohe, nach außen gerichtete Kraft des Begehrens wird nach innen umgewandelt, um inneren Frieden, Erleuchtung und ein tiefes, stabiles Glücksgefühl zu erfahren.